Die interaktive Medienwand im Eingangsbereich des Dokumentationszentrums, Foto: Tomke Blotevogel

outSITE Wolfenbüttel. Das Strafgefängnis Wolfenbüttel und sein Netzwerk im Land Braunschweig

Als zentrale Haftanstalt im Land Braunschweig war das Strafgefängnis Wolfenbüttel keine nach außen hin abgeschlossene Haft- und Hinrichtungsstätte. Durch sein weit verzweigtes Netzwerk von Außenkommandos, weiteren Haftorten, Hinrichtungsstätten sowie Beerdigungsorten war es in der Gesellschaft fest verankert. Für die deutsche Öffentlichkeit waren die nationalsozialistischen Justizverbrechen nicht nur sicht- und wahrnehmbar, auch profitierte sie vor allem wirtschaftlich von diesen.

 

Ziel des 2018 gestarteten Projekts "outSITE Wolfenbüttel" ist es, die Vielzahl der Außenorte des Strafgefängnisses zu erforschen, zu dokumentieren und wieder sichtbar zu machen. Bearbeitet und koordiniert wurde das Projekt bis Juli 2020 von dem Historiker Jannik Sachweh, der als wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Gedenkstätte tätig war. Das Projektteam, das seine Arbeit seit dem Sommer fortsetzt, kann sich auf ein gründlich recherchiertes Manuskript sowie auf eine umfassende Literatur- und Quellensammlung stützen. Die Ergebnisse des Projekts werden 2021 in einer interaktiven Medienwand, auf Informationsstelen sowie in einer Publikation öffentlich zugänglich gemacht. Außerdem sollen sie dauerhaft in die Bildungsarbeit eingebunden werden.

Ein im Eingangsbereich des Dokumentationszentrums installierter Multitouchscreen zeigt eine georeferenzierte Karte des Landes Braunschweig. Entwickelt und bereitgestellt wurde die Software von der P.medien GmbH aus München. Die Medienwand ist interaktiv gestaltet: Besucher_innen werden die Möglichkeit haben, die rund siebzig Außenorte des Strafgefängnisses auszuwählen und detaillierte Informationen, historische Dokumente sowie Fotos einzusehen. Die Medienwand veranschaulicht nicht nur die weitreichende Vernetzung des Strafgefängnisses Wolfenbüttel vom Harz bis in die südliche Heide, sondern lässt auch die Verbindungen zwischen den einzelnen Orten nachvollziehen.

 

An ausgewählten Standorten sollen Informationsstelen frühere Außenorte des Strafgefängnisses, die größtenteils überbaut wurden, wieder sichtbar machen. Im Mai 2020 erhielt die Leipziger Design-Agentur KOCMOC den Zuschlag für die Gestaltung der Stelen. Mit ihrem Entwurf, der ein weitenwirksames "Zeitfenster" vorsieht, durch das Betrachter_innen auf den historischen Ort blicken können, konnte die Agentur im Wettbewerb überzeugen. Dabei wurde eine barrierefreie Gestaltung der Stelen berücksichtigt. Ein historisches Foto bzw. Dokument und ein Informationstext in deutscher und englischer Sprache sollen der Gegenwart den historischen Kontext gegenüberstellen.

Im Rahmen einer eintägigen Dienstreise konnte das Projektteam Anfang Oktober 2020 einige der historischen Orte besichtigen, sich einen Eindruck von den örtlichen Gegebenheiten verschaffen und mögliche Standorte für die Stelen fotografisch dokumentieren. Die Ortsbegehungen erwiesen sich als gewinnbringend für die Ermittlung von Ansprechpartner_innen und die Vernetzung mit Kolleg_innen aus dem Gedenkstättenbereich, Archivmitarbeiter_innen und ortskundigen Expert_innen.

 

Für zehn ausgewählte Orte wurden im November 2020 schriftliche Anfragen zur Aufstellung der Informationsstelen an die verantwortlichen Personen und Behörden verschickt. Eine positive Rückmeldung erreichte die Gedenkstätte bereits von den Rohstoffbetrieben Oker aus Wendessen bei Wolfenbüttel. Im Fall der geplanten Stele am Standort des alten Anatomie in Göttingen sollen universitäre Gremien des Fachbereichs in den Entscheidungsprozess einbezogen werden. Wir möchten uns schon im Vorfeld bei allen Beteiligten für ihre Kooperationsbereitschaft und ihr Interesse an der gemeinsamen Realisierung des Stelen-Projekts bedanken.

Durch die Verbindung von Forschungs- und Bildungsarbeit, dezentrale Informationsstelen und eine interaktive Medienwand macht das Projekt "outSITE Wolfenbüttel" das Netzwerk des Strafgefängnisses wieder sichtbar und rückt es in das öffentliche Bewusstsein. Gleichzeitig leistet es einen wichtigen Beitrag zum Verständnis der Rolle von Justiz und Strafvollzug im Herrschaftsgefüge des NS-Staates und trägt somit zur Bildung eines kritischen Geschichtsbewusstseins bei.

 

Aufgrund der Corona-Pandemie konnten für die Projektarbeit wichtige Dienstreisen, Archivbesuche und Arbeitstreffen nicht wie geplant stattfinden. Daher musste eine Verlängerung der Projektlaufzeit beantragt werden, die ursprünglich bis Jahresende vorgesehen war. Wir bedanken uns herzlichen bei der Stiftung Braunschweigischer Kulturbesitz, Die Braunschweigische Stiftung und der Stiftung Zukunftsfond Asse für die Bewilligung der Verlängerung bis zum 30. Juni 2021 und für die vertrauensvolle Zusammenarbeit.

Das Projekt wird gefördert durch